Warum wollen wir alle geliebt werden?
Das Bedürfnis, von unseren Mitmenschen geliebt zu werden, ist tief in jedem von uns angelegt. Nur wenn wir geliebt werden und „dazugehören“, erfahren wir Hilfe und Unterstützung von anderen. Auch wenn wir heutzutage in vielen Lebensbereichen schon sehr gut alleine zurechtkommen, sind wir dennoch auf das Wohlwollen unserer Mitmenschen angewiesen, und ausserdem macht eine Unternehmung mit guten Freunden zusammen gleich doppels so viel Spass. Es ist also ganz natürlich, dass wir dieses Bedürfnis in uns verspüren und viel dafür tun.
Wann wird das Bedürfnis nach Liebe zum Problem?
Problematisch wird es erst, wenn wir uns selbst und unsere Einzigartigkeit aus den Augen verlieren. Sobald das Geliebtwerden für uns oberste Priorität bekommt, achten wir nur noch darauf, was unsere Umwelt „gut findet“ und was die anderen anspricht. Vielleicht tragen wir dann Jeans, weil alle um uns herum diese Hosen tragen, obwohl wir tief in unserem Inneren lieber ein hübsches Kleid anziehen würden. Mehr und mehr gehen wir falsche Kompromisse ein und werden zu einer Person, zu einer Marionette, die ganz und gar nicht unserem Inneren entspricht. Wir bringen dieses Opfer, um geliebt zu werden. Es kostet uns eine Menge Mühe und Energie, dieses Bild tagtäglich aufrechtzuerhalten, und sobald wir einen Moment unachtsam sind, wird uns von unseren Mitmenschen symbolisiert, dass wir vielleicht doch nicht ganz dazugehören.
Nun stecken wir tief in einem Missverständnis fest. Wir glauben, uns „verbiegen“ zu müssen, um geliebt zu werden, weil wir bestimmt nie gut genug währen, um einfach so und ohne Anstrengungen gut anzukommen. Dabei wünschen wir uns nichts sehnlicher, als für denjenigen oder diejenige geliebt zu werden, der oder die wir sind und nicht für das, was wir anderen geben, was wir leisten oder was wir tun können. Wir glauben, dass die anderen uns als ganze Person lieben, weil wir das tun, was diese von uns verlangen. Aber in Wirklichkeit lieben sie „nur“ unsere Leistung und haben vielleicht gar kein Interesse an unserer Person. Wir wenden also eine Menge Energie auf, um doch nicht das zu erhalten, was wir brauchen. Im tiefsten Inneren fühlen wir uns dann immer noch unzulänglich, schlecht und ungeliebt.
Am traurigsten ist es, wenn wir unsere Lebenspartnerschaft auf diesem unsicheren Boden von Lügen und faulen Kompromissen aufbauen. Unser Ehemann oder unsere Lebenspartnerin lernt uns als Person dadurch niemals kennen und verliebt sich in eine Maske. Jede noch so kleine Verleumdung unserer eigenen Person wird uns eher früher als später von unserem Lebenspartner wegführen. Vielleicht verstehen wir gar nicht, wie wir uns so „auseinanderleben“ konnten, aber wenn wir ganz ehrlich zu uns selber sind, müssen wir feststellen, dass wir irgendwann damit begonnen haben, des lieben Friedens willen faule Kompromisse einzugehen. Wie ein kleiner Kieselstein, der ins Wasser fällt, kann schon die kleinste Unehrlichkeit grosse Wellen schlagen und uns dazu zwingen, mehr und mehr Lügengebilde aufzubauen.
Wie kommen wir aus dieser Falle heraus?
Im Allgemeinen tun wir dies anfangs völlig unbewusst und automatisch. Denn im Laufe unseres Lebens lernen wir uns selbst ebenfalls immer besser kennen. Plötzlich macht uns das, was uns mit Anfang zwanzig noch viel Freude bereitet hat, mit vierzig überhaupt keinen Spass mehr. Jeder von uns verändert sich mehr oder weniger. Und es verlangt uns einiges an Mut ab, unseren mitmenschen zu offenbaren, dass wir plötzlich keine Lust mehr auf Kaffeekränzchen am Sonntag Nachmittag haben, sondern lieber wandern gehen würden. Was denken die dann von uns? Bestimmt können sie uns dann nicht mehr leiden. Und was tun wir dann, so ganz ohne unsere Freunde oder Partner? Besser, wir machen weiter mit den Kaffeekränzchen, auch wenn wir dabei immer übellauniger und verbitterter werden. Und jetzt haben wir im Endeffekt das erreicht, was wir vermeiden wollten. Unsere Freunde wenden sich von uns ab, weil wir nicht mehr so gut drauf sind wie früher.
Um aus dieser Falle herauszukommen oder gar nicht erst hineinzutappen, sollten wir immer wieder unser Selbstbewusstsein stärken. Nur wenn wir uns mit uns selbst wohl fühlen und uns selbst für unsere Veränderungen lieben können, sind wir von der Meinung der anderen nicht mehr so abhängig. Wenn wir hoffen, dass die anderen uns lieben, obwohl wir uns selbst ablehnen, sind wir für die oben beschriebene Falle prädestiniert. Es hilft uns, uns jeden Tag 5 Dinge an uns bewusst zu machen, die wir an uns mögen und für die wir dankbar sind. Es gibt bestimmt Charaktereigenschaften oder Körpermerkmale, die wir an uns mögen und auf die wir vielleicht sogar stolz sind. Diese Gefühle der Wertschätzung und Dankbarkeit für uns selbst sollten wir zulassen und uns damit aufbauen. Dadurch wird es uns immer leichter fallen, von der Liebe anderer unabhängig zu werden.
Solange wir die Liebe der anderen „brauchen“, weil wir glauben, nur dann liebenswert zu sein, werden wir immer wieder in die Falle tappen. Sobald wir wissen, dass wir liebenswert sind, werden uns die anderen ganz automatisch mit Liebe, Anerkennung und Respekt überschütten, ohne dass wir irgendetwas dafür tun müssen. Wir bekommen also endlich das, wonach wir uns nicht mehr sehnen, nämlich die Anerkennung für das, was wir sind und nicht für das, was wir tun. Und wenn wir dadurch unsere Kaffeekränzchengruppe verlieren, aber dafür eine tolle Wandergruppe kennenlernen, ist das der Lauf des Lebens. Es wird uns, wenn wir uns selbst jeden Tag sagen und zeigen, wie sehr wir uns mögen, nicht mehr so schnell aus der Bahn werfen.