Kennt Ihr das? Der Tag ist vorbei, Ihr liegt im Bett, und bevor Ihr einschlafen könnt, beginnt die innere Vorstellung: Der Tag zieht an Euch vorbei – und mit ihm eine Liste aller Momente, in denen Ihr „versagt“ habt.
„Hätte ich meinem Chef nur die Meinung gesagt.“ „Wäre ich bloss mit meiner Freundin essen gegangen.“ „Hätte ich mein Kind nur liebevoller verabschiedet.“
Und je länger wir grübeln, desto mehr Situationen fallen uns ein. Desto schwerer wird die Last. Desto kleiner fühlen wir uns. Was als ein flüchtiger Gedanke beginnt, wird zu einem nächtlichen Tribunal – und wir sitzen gleichzeitig auf der Anklagebank und sind unser strengster Richter.
Dieses Ritual kennen viele von uns – nicht nur abends, sondern auch wenn wir an grosse Lebensentscheidungen denken. „Wäre ich damals nur einen anderen Weg gegangen, wäre alles viel schöner geworden.“ Wir stecken in diesen Selbstvorwürfen fest wie in einem Sumpf, und je mehr wir uns bewegen, desto tiefer sinken wir hinein. Von Tag zu Tag fühlen wir uns schlechter – und machtloser. Selbstverständlich werden wir auch immer mehr und mehr Situationen finden, die wir wieder einmal „vergeigt“ haben.
Doch was, wenn wir dieses Ritual einfach umschreiben könnten?
Statt „Was ist schief gelaufen?“ können wir uns fragen: „Was habe ich daraus gelernt?“
Das klingt einfach – und ist es auch. Aber es verändert alles. Denn diese eine Frage verschiebt unseren Blick von der Verurteilung hin zur Verantwortung. Von der Schuld hin zum Wachstum.
Stellt Euch dieselben Situationen vor – ja, genau diese, die Euch nachts nicht schlafen lassen – und fragt Euch:
– Welche Person bin ich aufgrund meiner Entscheidungen geworden?
– Welche Stärke nehme ich aus dieser Situation mit?
– Was kann ich in Zukunft besser machen, wenn ich wieder in eine ähnliche Situation komme?
Wir hören auf, uns schuldig zu fühlen. Wir fangen an, die Verantwortung für uns und unser Leben zu übernehmen.
Es ist nie zu spät, die Dinge besser zu machen und zu dem Menschen zu werden, der wir schon immer sein wollten. Nie. Das geschieht aber nicht dadurch, dass wir uns kritisieren – sondern dadurch, dass wir unsere Leistungen anerkennen und aus unseren angeblichen Fehlern lernen.
Wir sagen JA zu unseren Entscheidungen. Auch den schwierigen. Denn sie haben uns hierher gebracht – und sie haben uns geformt.
Wenn der Verstand uns wieder kritisieren will, können wir ihn stoppen. Wir können ihm ruhig und klar sagen: „Danke – ich weiss selbst, dass ich das besser hätte machen können. Das brauchst Du mir nicht mehr zu sagen. Ich bitte Dich stattdessen um konstruktive Lösungen für die Zukunft.“
Ich habe das selbst ausprobiert. Mein Verstand war eine Weile ruhig – fast ein bisschen beleidigt, ehrlich gesagt. Und dann, zaghaft, machte er einen ersten Vorschlag. „Ah! Geht doch! Weiter so!“ habe ich ihn gelobt. Und tatsächlich: Es hat sehr schnell zu mehr innerer Zufriedenheit geführt. Seltsamerweise schienen auch meine angeblichen täglichen Fehler wie von selbst nachzulassen. Ganz automatisch schien ich die richtigen Worte zu finden oder löste Situationen souveräner als zuvor.
Versucht es gerne – auch wenn der Verstand anfangs bockig sein sollte. Er lohnt sich als Verbündeter viel mehr als als Richter. Erinnert ihn immer wieder daran, dass er Euch am besten hilft, wenn er als konstruktiver Lösungsfinder an Eurer Seite steht. Lobt ihn auch für seine guten Vorschläge und bedankt Euch bei ihm. Das spornt ihn zu immer besseren Ideen an.
Anstatt Euren Tag und Eure Leistungen schlecht zu machen, werdet Ihr ganz von selbst mehr und mehr dazu übergehen, Euch für einen gelungenen Tag zu bedanken, und Ihr werdet sehr schnell das Gefühl haben, dass Euer Leben endlich so läuft, wie Ihr es Euch schon immer gewünscht habt.
Wir sind nicht hier, um uns zu verurteilen. Wir sind hier, um zu wachsen.