Laut Gehirnforschung ist ca. ab unserem 30. Lebensjahr unsere Persönlichkeit geprägt. Wir „funktionieren“ den ganzen Tag mehr oder weniger auf Autopilot und agieren und reagieren immer wieder auf dieselbe Weise. Diese Art und Weise ist von unseren Mustern, unserer Erziehung, unseren Glaubenssätzen und unseren Gewohnheiten geprägt. Natürlich ist es sinnvoll, dass wir nicht jedes mal, wenn wir die Zähne putzen oder Auto fahren aufs Neue überlegen müssen, wie und in welcher Reihenfolge jeder Handgriff funktioniert. Routinen sind sehr hilfreich für uns. Sie können uns aber auch gefangen halten und dafür sorgen, dass unser Leben sehr eng wird..
Gerade in Zeiten der Veränderung, in denen Flexibilität und Wendigkeit gefragt sind, können uns unsere Denkmuster und Gewohnheiten gewaltig im Weg stehen. Wir halten fest, obwohl wir los lassen sollten oder wir gehen über Situationen hinweg, die uns weitergebracht hätten.
Auch hierfür hat unser Gehirn einen Trick parat. Wir können unser Leben wie gewohnt leben, schalten aber zusätzlich einen Beobachter ein. Damit meine ich einen ganz neutralen Teil, der uns weder verurteilt noch schimpft, sondern uns einfach nur mitteilt, was gerade abläuft. Als ich ein Seminar gehalten habe, hat mir mein Beobachter gemeldet, dass ein Teil von mir gerade so richtig wütend und frustriert ist. Dadurch konnte ich entscheiden, mich um diese Gefühle später zu kümmern, sodass ich mein Seminar weiterhin problemlos halten konnte. Hätte ich meinen Gefühlen freien Lauf gelassen, wäre dies für niemanden von nutzen gewesen.
Der Beobachter hilft uns dabei, innezuhalten und einen oder zwei Schritte zurückzutreten. Wir können uns unsere widerstreitenden Emotionen, Gedankenmuster und sonstige Glaubenssätze anhören, ohne gleich involviert zu werden. Dadurch fällt es uns leichter, uns so zu verhalten, wie es für uns und andere gerade am dienlichsten ist.
Wenn wir beispielsweise unsere Eltern treffen, können wir genau feststellen, wann wir in die Rolle eines rebellierenden Teenagers oder eines Fünfjährigen schlüpfen. Wir spüren dann, dass wir als Erwachsene andere Möglichkeiten haben und diesen alten Streit, den wir schon seit Jahren führen, gar nicht mehr fortsetzen müssen, weil wir ja kein Kind mehr sind.
Falls es uns schwerfällt, den Beobachter direkt in einer schwierigen Situation einzuschalten, können wir ein früheres Erlebnis nochmals in unseren Gedanken durchspielen. Diesmal schalten wir den Beobachter ein und lassen uns von ihm durch die Diskussion führen. Wir achten genau auf unsere Gefühle und Gedanken und überlegen uns danach gleich eine neue Vorgehensweise, die uns und dem anderen dient. Wenn wir dann mit der Situation konfrontiert sind und bestimmte „Schlüsselwörter“ oder Emotionen mitbekommen, probieren wir die neue Vorgehensweise sofort aus. Dadurch reagieren wir nicht länger, sondern agieren und erhalten sehr viel mehr Handlungsfreiheit. Ich wünsche uns allen viele positive Erfahrungen mit unserem Beobachter in der nächsten Zeit. Dadurch sollten uns Veränderungen nicht mehr gleich wie eine Bedrohung vorkommen.