Lebe ich wirklich mein Leben

Die meiste Zeit unseres Lebens ist uns gar nicht bewusst, dass dieses Leben ein Geschenk ist, welches uns dafür gegeben wurde, uns selbst auszuprobieren. Wir leben in den Tag hinein und glauben, ewig Zeit zu haben, um unsere Wünsche und Träume – falls wir uns diese nicht längst abgewöhnt haben – in Erfüllung gehen zu lassen.

In Zeiten wie diesen wird uns wieder mehr oder weniger schmerzhaft bewusst gemacht, dass unser Leben endlich ist und dass uns vielleicht nicht so viel Zeit bleibt, wie wir uns erhofft haben. Umso stärkeren Widerwillen wir bei diesem Thema verspüren, desto eher sollten wir uns genau damit beschäftigen. Wenn wir grosse Angst davor haben, dieses Leben beenden zu müssen, sollten wir uns fragen, ob wir wirklich leben. Damit meine ich nicht, ob wir unsere Pflichten erfüllen oder unsere Arbeit gut machen, sondern ob wir jeden Tag das Gefühl haben, wirklich hier sein zu wollen und mit Freude unsere Zeit zu verbringen.

Wenn wir unser Leben als ständigen Kampf oder Aneinanderreihung von Pflichten empfinden, können wir davon ausgehen, dass wir nicht wirklich leben. Unser Verstand mag uns einreden, dass wir ja nur noch ein paar Jahre Geld verdienen müssen, um uns unser Traumhaus leisten zu können. Dafür müssen wir eben Opfer bringen. Und weil wir lieber nicht allein sind, halten wir diese Partnerschaft noch eine Weile aus. Vielleicht wird sich eines Tages alles irgendwie von selbst zum Guten wenden.

Wenn wir bereit sind, uns mit unserer Endlichkeit zu beschäftigen, werden wir sehr schnell spüren, was uns im Leben noch fehlt. Es geht nicht darum, jetzt panisch alles von heute auf morgen über den Haufen zu werfen. Vielmehr sollten wir diese Zeit als Weckruf verstehen. Es ist Zeit, sich um das zu kümmern, was uns wichtig ist. Ob wir dies in kleinen oder grossen Schritten umsetzen, ist jedem selbst überlassen. Wichtig ist, dass wir damit beginnen und jeden Tag mehr und mehr so leben, wie wir uns dies immer gewünscht haben. Dafür brauchen wir kein Traumhaus und keine Weltreise. Der Alltag hält viele Möglichkeiten bereit, uns Glücksmomente zu erschaffen.

Uns schöne Dinge im Aussen zuzulegen ist wichtig, aber wenn wir uns damit identifizieren, werden unsere Glücksmomente nur von sehr kurzer Dauer sein. Vielleicht haben wir nach Jahrzehnten endlich unser Traumhaus, aber unsere Kinder sind längst aus dem Haus und unsere Freunde haben wir seit Jahren nicht mehr gesehen. Zeit mit unseren Lieben können wir weder kaufen noch zurückdrehen. Niemand sagt auf dem Sterbebett „Ich bereue, dass ich nicht mehr Zeit im Büro verbracht habe!“

Wenn wir uns darüber bewusst werden, wie kostbar unser Leben und unsere Lebenszeit ist, werden wir die Tage mehr und mehr geniessen können. Natürlich will keiner von uns gehen, aber die Angst, noch etwas dringend erledigen zu müssen oder nicht wirklich gelebt zu haben, ist dann nicht mehr so stark vorhanden. Nutzen wir also jeden Tag und geniessen die kostbaren Augenblicke, die wir haben. Füllen wir sie mit Tätigkeiten und Menschen an, die uns wirklich bereichern.