Rollen

Wir alle sind Meister darin, Rollen zu spielen – und genau das kann uns entweder klein halten oder uns in unsere Kraft bringen. Rollen geben unserem Miteinander Struktur, aber sie können uns auch unbewusst fesseln, wenn wir sie nie hinterfragen. Wenn wir ehrlich sind, laufen wir selten mit nur einer einzigen Rolle durch den Tag. Am Arbeitsplatz sind wir vielleicht die verantwortungsvolle Kollegin oder der souveräne Chef, zu Hause verwandeln wir uns auf Knopfdruck in den „pubertierenden Teenager“ oder das 5-jährige Kind, sobald Mutter oder Vater etwas Kritisches sagen. In Beziehungen erleben wir uns manchmal als Heldin, die alle retten will – und kurz darauf als bedürftiges Wesen, das um Liebe und Aufmerksamkeit ringt. Diese Rollen sind nicht zufällig, sie sind wie eingeübte Kostüme, die wir schon in unserer Kindheit anprobiert haben und nie wieder richtig ausgezogen haben. Viele dieser Rollen haben einmal Sinn gemacht – sie waren unsere Überlebensstrategie. Vielleicht „mussten“ wir unsere Mutter emotional retten oder unserem Vater unbedingt gefallen, um gesehen zu werden; dann ist es fast logisch, dass wir diese Rolle unbewusst in Partnerschaften, Freundschaften oder im Job weiterspielen. So entstehen schnell Dynamiken, die uns nicht gut tun: wir landen in toxischen Beziehungen, wo wir wieder die Retterin, das brave Kind oder das stille Opfer sind, während andere dominieren, manipulieren oder kritisieren. Wenn wir eigentlich selbständig sein wollen, aber innerlich die Rolle der „angepassten Angestellten“ leben, sabotieren wir unsere eigene Selbstermächtigung – noch bevor sie richtig begonnen hat. Rollen an sich sind nichts Schlechtes – sie helfen uns, uns in der Gesellschaft zurechtzufinden und geben uns Orientierung. Verschiedene Menschen lösen durch ihre Energie unterschiedliche Rollen in uns aus, und das ist ganz normal: bei der einen Person sind wir die humorvolle Kollegin, bei der anderen die ernsthafte Ratgeberin. Heilend wird es in dem Moment, in dem wir merken: „Stopp – hier spielt gerade eine Rolle die Hauptfigur, nicht mein freier, bewusster Anteil.“ Sobald wir unsere Rollen erkennen, drehen wir den Spieß um: nicht mehr die Rolle steuert unser Leben, sondern wir entscheiden, welche Rolle wir wann bewusst spielen möchten. Gerade in schwierigen Beziehungen (Partner, Eltern, Chef, Freundeskreis) können wir uns gemeinsam ein paar ehrliche Fragen stellen: – Welche Rolle spiele ich hier gerade – Retterin, Angeklagte, brave Tochter, Rebellin, Opfer? – Tut mir diese Rolle wirklich gut – oder hält sie mich klein, abhängig, schuldig? Weil es uns so leicht fällt, in vertraute Rollen zu rutschen, hilft ein innerer Perspektivwechsel: – Wie würde eine erwachsene, liebevoll klare 40-jährige auf Mutters Kritik reagieren – im Gegensatz zu dem rebellierenden Teenager in uns? – Wie würde eine selbstbewusste Selbständige auf die Forderungen ihres Chefs reagieren – anstatt eine ängstliche Angestellte, die um ihre Arbeit fürchtet? Wenn wir uns wirklich darauf einlassen, spüren wir den Unterschied sofort im Körper: der Atem wird ruhiger, der Brustkorb weiter, der Kopf klarer; gleichzeitig verändert sich unser innerer Dialog – weg vom „Ich muss“ hin zu „Ich darf wählen“. Wenn wir bestimmte Rollen schon Jahrzehnte spielen, brauchen wir ein bisschen Übung – aber genau darin liegt unsere Chance. Wir können beginnen, neue Rollen auszuprobieren, die uns aus der Opfer-Rolle herausführen und uns mehr Handlungsspielraum schenken: die klare Grenzsetzerin, der gelassene Erwachsene, die selbstbestimmte Unternehmerin, der liebevoll-souveräne Partner. Praktische Mini-Übung für unseren Alltag: Schritt 1: Situation bemerken – „Aha, hier bin ich gerade wieder das angegriffene Kind, die Rechtfertigerin, die Retterin.“ Schritt 2: Innehalten – einmal bewusst atmen, innerlich einen Schritt zurücktreten. Schritt 3: Neue Rolle wählen – „Wie würde eine erwachsene, klare Version von mir jetzt handeln? Was würde sie sagen?“ Schritt 4: Eine kleine neue Handlung setzen – anders antworten, ein Nein aussprechen, ein Gespräch vertagen, statt sofort zu reagieren. So wird unser Leben Schritt für Schritt weniger zur Bühne alter Drehbücher – und mehr zu einem Feld bewusster, freier Entscheidungen. Ich wünsche Euch viel Freude beim Forschen, Experimentieren und beim Entdecken neuer, kraftvoller Rollen in Euch. Jede bewusst gewählte Rolle ist ein Stück gelebte Selbstermächtigung – für uns selbst und für unser Umfeld.